Seefracht: Stillgelegte Schiffe. Raten ziehen an. Baltic Dry Index steigt.
Mehrere hundert Containerschiffe wurden in den letzten Monaten von ihren Betreibern weltweit „aufgelegt“, also vorübergehend ausser Betrieb gesetzt. Die vor einem Jahr noch voll ausgebuchten Schiffe liegen heute in irgendeinem Hafen dieser Welt am Kai. Eine kleine Mindestbesatzung sorgt dafür, dass der Frachter einsatz-bereit bleibt. Durch diese Massnahme reduzieren sich laut Angaben eines deutschen Schiffbetreibers die Kosten eines 2‘400 Container-Schiffes auf jährlich 600’000 Dollar, etwa ein Drittel des Aufwandes im Normalbetrieb.

Indem so Kapazität aus dem durch die Wirtschaftskrise arg gebeutelten Seefrachtmarkt genommen wird, erhoffen sich die Reedereien eine Verbesserung der Ratensituation. Offensichtlich mit Erfolg. Im Juli zogen die Raten zwischen Asien und Europa deutlich an.
Gemäss Ulrich Sobottka, Seefrachtexperte der Würth Logistics AG, wurden bestehende Kontrakte mit Spediteuren, Grossverladern und -importeuren mit Wirkung ab 1. Juli 2009 ohne Vorankündigung einfach aufgekündigt und fast ausschliesslich gegen Einigung auf die Ratenforderungen der Reedereien, beziehungs-weise der Einführung diverser Zuschläge wieder aufgenommen.
„Das hat in den letzten Wochen dazu geführt, dass derzeit ein durchschnittliches Ratenniveau zwischen 600 - 800 Dollar per 20’ Container ab den asiatischen Haupthäfen erreicht ist. Weitere Anpassungen sind für September und dann wieder für den Oktober geplant. Die im Betrieb befindlichen Schiffe sind voll und zum Teil erheblich überbucht“, so Ulrich Sobottka.
Ob die aktuelle Ratensteigerung auf der Asien-Europa Route von langer Dauer sein wird, wird in einem aktuellen Bericht von International Freighting Weekly, einem englischen Fachmagazin, bezweifelt. Die gewaltige Über-kapazität an derzeit stillgelegtem Seefracht-Laderaum ist ja nicht weg, sondern muss in den nächsten Jahren wieder ins Geschäft gebracht werden. In diesem Sinne ist auch die aktuelle Peak Season Surcharge zu sehen, denn die Schiffsbetreiber sind gezwungen, jeden Engpass für sich zu nutzen. Weiter wird erwähnt, dass diese Erhöhungen durch gingen, weil die Laderaumsituation von China nach Europa im Moment kritisch wird. Wenn aber einer der Anbieter ausschert und zwei oder drei Schiffe wieder in Dienst nimmt und wenn dem Beispiel drei oder vier Konkurrenten folgen, dann werden die Preise wieder aufweichen.
Seefracht-Index als Monitor der Weltwirtschaft
Der Baltic Dry Index (BDI) wird von der Baltic Exchange in London veröffentlicht und ist ein wichtiger Preisindex für das weltweite Verschiffen von Massengütern wie Kohle, Eisenerz und Getreide auf Standardrouten. Es besteht ein Zusammenhang von Frachtraten mit Rohstoffpreisen und der Nachfrage nach Metallen, Treibstoffen und Nahrungsmitteln. Da der BDI die Verschiffungskosten von Rohstoffen, der Vorstufe der Produktion ermittelt, misst er präzise das Volumen des Welthandels auf der Anfangsstufe.
Der BDI ist also ein Frühindikator für die Weltwirtschaft.
Im zweiten Halbjahr 2008 stürzte dieser Index vom Allzeithoch von 11’800 auf 663 Punkte ab. In der ersten Hälfte des laufenden Jahres verfünffachte sich dieser Wert auf bis zu 4’070 Punkte. Optimistische Analysten sehen in dieser Erholung Zeichen einer Erholung des Frachtgeschäftes. Vor den Häfen in Australien, Brasilien und China warteten im Juni 2009 gut 18 Prozent der globalen Flotte von Massengüter-Schiffen, um Rohstoffe zu laden bzw. zu löschen. Grund dafür seien Engpässe in den chinesischen Häfen. Diese seien auch für das Anziehen der entsprechenden Frachtpreise verantwortlich.